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Ein Tag im Altenheim oder “Die Würde des Menschen ist unantastbar”

Aus der Sicht einer 83jährigen Schlaganfallpatientin, die in einem Altenheim hier irgendwo in Deutschland lebt.

Ein Tag im Altenheim oder „Die Würde des Menschen ist unantastbar“

Früh 6.30 Uhr kommt eine Schwester in mein Zimmer und weckt mich mit kurzem Gruß.„Frau P. wir müssen aufstehen, aber schnell, ich habe noch 11 andere Heimbewohner zu waschen. Was ist denn das?? Ihr Bett ist doch schon wieder nass und die Windelhose schwer wie Blei. Das hat mir gerade noch gefehlt“Ich fühle mich elend und habe ein schlechtes Gewissen, mein Mund ist trocken und ich zeige auf die Wasserflasche. Glücklicherweise versteht mich die Schwester und gibt mir einen Schluck zu trinken. Ich verschlucke mich.„Na ein bisschen anstrengen müssen sie sich schon“Sie stellt das Glas bei Seite und zerrt mich aus dem Bett auf den Nachtstuhl. Meine Glieder schmerzen.„Nun machen sie sich doch nicht so schwer und denken mal an meinen Rücken, wenn das alle so machen, kann ich Mittag nach Hause gehen oder gleich zum Arzt!“

Ich werde nackt ins Bad vor das Waschbecken geschoben. Das Waschbecken war voll Wasser und mir wurde der Waschlappen in die Hand gedrückt.„Nun waschen sie sich schon immer mal selbst, ich muss ihr nasses Bett neu beziehen.“Mit zittriger Hand versuche ich mich zu waschen, es gelingt mir nicht so richtig. Die Zeit vergeht und ich friere, kein Handtuch in Sicht. Meine Beine sind eiskalt und jegliches Gefühl ist gewichen.„Tut mir leid, musste weg, Notfall! Füße und Rücken waschen lassen wir heut weg.“Ich werde schnell abgetrocknet, in Windeseile angezogen und in den Rollstuhl gesetzt. Ich lasse die Prozedur über mich ergehen.

Mein schmerzverzerrtes Gesicht erntet einen bösen unverständlichen Blick der Schwester. Ich werde in den Frühstücksraum geschoben neben Frau K. und Herrn B. Das Frühstück steht schon da (schon wieder Butterbrot), eine hälfte des Brotes wird mir in die Hand gedrückt und ein Schluck lauwarmer Kaffe gereicht, dann ist die Schwester weg.

Ich versuche von dem Brot abzubeißen, das zittern meiner Hände macht es mir fast unmöglich. Herr B. hat sein Gebiss neben seinen Teller gelegt, was meinen Appetit enorm bremst. Frau K. findet das wohl witzig sie lacht und kreischt, dass mir die Ohren schmerzen. Mein Hunger ist in Ekel und Wut umgeschlagen. Ich will die Schwester rufen, aber es kommt nur ein Krächzen aus meinen Mund.„Was ist denn hier los, was machen ihre Zähne auf den Tisch Herr B. und sie müssen auch nicht gleich so lamentieren Frau P. und Frau K. Denken sie wir haben nichts anderes zu tun, als nur neben ihnen zu stehen und aufzupassen“.Herr B. bekommt seine Zähne wieder in den Mund und wird in sein Zimmer geschoben.

Nach einer dreiviertel Stunde kommt der Zivi den Tisch abräumen.„Sie haben ja gar nichts gegessen, so geht das aber nicht Frau P!“Er räumt den Tisch ab und ich werde in den Gemeinschaftsraum vor den Fernseher geschoben.„Na Frau P. jetzt schauen sie ein wenig Fernsehen und dann gibt es bald Mittag.“Im Fernsehen wechseln die Bilder dass mir schwindlig wird, die Sprache ist zu schnell für mein Gedächtnis, also schließe ich meine Augen und denke an die Zeit als ich noch jünger war und alles tun konnte, was ich wollte. Erinnerungen an vergangene Zeiten zauberten ein Lächeln auf mein Gesicht. Es war ein schweres arbeitsreiches Leben in dem Freud und Leid oft wechselten. Mein Mann ist früh gestorben und ich musste vier Kinder allein durchbringen. Eigenartigerweise dachte ich heute an schöne Stunden, als meine Kinder geboren wurden und mein Mann und ich uns immer wieder sagten, dass wir das schaffen, weil wir uns liebten…. Meine vier Söhne wohnen weit weg, sie sind ihrer Arbeit hinterher gezogen, haben Familie und meine Enkelkinder sind mir mehr fremd, als es für eine Oma - Enkelbeziehung gut ist. Schön, dass es Feiertage wie Weihnachten oder Ostern gibt, dann kann ich auf Besuch hoffen und bisher war es so, dass an solchen Tagen immer jemand da war…

„Sie schlafen ja schon wieder, dann liegen sie wieder die halbe Nacht wach und sind unruhig, die Nachtschwester hat weiß Gott genug zu tun. Kommen sie, wir fahren ins Zimmer, ihre Windel muss gewechselt werden. Aufs Klo setzen ist jetzt aber keine Zeit, wenn Stuhlgang kommen sollte, macht nix, sie haben ja die Windelhose um“!Mir wird schlecht, ich denke noch mit Grauen an das Gezeter, als mich Schwester R. vorgestern von der „vollen“ Windelhose befreien musste. Frisch umgepackt wurde ich wieder an den Tisch gesetzt. Frau K. saß schon da und spielte mit meinem Löffel—„Brauchst gar nicht so dumm gucken blöde Kuh“, das wiederum amüsierte Herrn B. und er lachte sich ins Fäustchen.„Jetzt ist hier aber Ruhe“ schellte die Schwester, wechselte die Löffel und ging.

Kurz darauf kam die Küchenfrau mit dem Mittagessen. Mir wurde ein undefinierbarer Brei auf einem Teller serviert, dessen Geruch auch nichts über seine Inhaltsstoffe preis gab.„Eigentlich bekommt Frau P. normale Kost“, hörte ich die Schwester sagen, „aber lass mal, ich füttere sie dann, das geht schneller“.Nach einer viertel Stunde Wartezeit stopfte dann die Schwester diesen lauen undefinierbaren Brei in mich rein, dass es mir nach jedem Bissen wieder hochzukommen drohte.„Nun stellen sie sich mal nicht so an und beeilen sie sich mal mit dem Schlucken, Andere wollen auch noch was zu Essen bekommen.“

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam der Zivi und wollte mich ins Bett zur Mittagsruhe bringen.Endlich, dachte ich, den ganzen Vormittag im Rollstuhl, im Bett werden mir mein Steiß und mein Rücken nicht mehr so sehr schmerzen„Frau P. kommt jetzt nicht ins Bett“ kam uns die Schwester entgegen, “sie hat schon den ganzen Vormittag geschlafen, schieb sie in den Gemeinschaftsraum, dort kann sie sitzen, es gibt eh bald Kaffee und so sparen wir Zeit um sie aus dem Bett rein und raus zu wuchten. Außerdem soll sie lieber in der Nacht schlafen“.Ich wollte sagen „das könnt ihr doch nicht machen, ich will mich jetzt hinlegen“, aber es kam wieder nur dieses krächzen heraus. Tränen liefen mir übers Gesicht, für einen kurzen Moment dachte ich die Schwester hätte so etwas wie Mitleid in ihrem Blick, ja ich glaubte fast, dass sich ihre Augen auch mit Tränen füllten. Doch sie drehte sich schnell um und verschwand in einem Heimbewohnerzimmer.

Mir blieb nichts anderes übrig, als mich auf einen langen Nachmittag im Rollstuhl mit viel Schmerzenl abzufinden. Ich saß ganz allein im Gemeinschaftsraum, die Anderen waren sicher alle in ihren Zimmern. Die große Uhr an der gegenüberliegenden Wand schien in Zeitlupe voran zu rücken. Meine Schmerzen wurden fast unerträglich. Endlich kam der Zivi und holte mich zum Kaffeetrinken in den Speiseraum, dann hat er Feierabend.

Es war Schichtwechsel und Schwester M. hat Dienst, Freude überkam mich denn ich mochte sie gern.„Guten Tag Frau P, ich hoffe, es geht ihnen gut. Heut Nachmittag kümmere ich und unser FSJ Mädchen um sie.“Schwester M. reichte mir das Brot und den Kaffee, strich mir über mein Haar und brachte mich wieder in den Gemeinschaftsraum. Ich saß mit weiteren sieben Heimbewohnern im Halbkreis vor dem großen Fenster und schaute jedem Auto nach, welches die Straße vorüber fuhr, als wäre es das Jahresereignis überhaupt. Einige schliefen auf ihren Stühlen, Andere schienen ihre Umwelt trotz geöffneten Augen überhaupt nicht wahr zu nehmen.

Es dauerte nicht lange und es wurden zwei drei andere Heimbewohner in ihre Zimmer gebracht um sie Bettfertig zu machen, sie bekamen dann dort ihr Abendbrot und dann war für sie Nachtruhe.Mein Abendbrot bekam ich im Speiseraum, Schwester M. hat mir das Essen gereicht. Sie sah sehr geschafft aus und roch nach Schweiß. Trotz dem war sie freundlich zu mir und brachte mich dann in mein Zimmer. Sie half mir bei der Abendtoilette, zog mich aus und brachte mich ins Bett. „Kommst du nun endlich“, hörte ich vom Gang die Stationsschwester rufen. „ wenn du bei Jedem so lange brauchst, dann stehen wir morgen früh noch hier“Ich nahm meine ganze Kraft und Energie zusammen, ergriff ihre Hand und sagte- wenn auch nur sehr leise- „danke“. Mit Tränen im Gesicht strich sie mir flüchtig über meine Wange und eilte aus meinem Zimmer.

Dieser Augenblick hat mir den heutigen Tag erträglich gemacht. Wie viel Tage müssen noch vergehen, bis ich endlich meinen Frieden habe.

im Internet gefunden - der Text ist von Rica Mia  Verfasst am: 31. Januar 2009

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